Mehr als zehn Jahre nach Bekanntwerden der Abgasmanipulationen beschäftigen Dieselfälle weiter die Gerichte. Die Rechtslage hat sich aber stark verändert. Der früher übliche Weg, das Auto gegen Erstattung des Kaufpreises zurückzugeben, ist heute nur noch selten offen. An seine Stelle ist der sogenannte Differenzschaden getreten.
Die Ausgangslage: EA189 und die Vergleichsangebote von VW
2015 wurde bekannt, dass Volkswagen beim Motor EA189 eine unzulässige Abschalteinrichtung eingesetzt hatte. Käufer konnten den Hersteller wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung (§ 826 BGB) verklagen und das Fahrzeug gegen Erstattung des Kaufpreises abzüglich einer Nutzungsentschädigung zurückgeben. Die Vergleichsangebote, die VW 2020 nach der Musterfeststellungsklage verschickt hat, sind längst abgelaufen.
Ansprüche aus § 826 BGB sind in EA189-Fällen heute in aller Regel verjährt. Erstbesitzer eines Neuwagens hatten danach noch einen Anspruch auf sogenannten Restschadensersatz nach § 852 BGB (BGH, Urteile vom 21.02.2022, VIa ZR 8/21 und VIa ZR 57/21). Dieser Anspruch verjährt spätestens zehn Jahre nach seiner Entstehung. Für Käufe bis 2016 ist er damit weitgehend erledigt.
Thermofenster und Differenzschaden
Neue Bewegung brachte 2023 der Europäische Gerichtshof. Danach schützen die europäischen Abgasvorschriften auch den einzelnen Käufer. Für Schadensersatz reicht schon ein fahrlässiger Verstoß des Herstellers, Vorsatz muss nicht nachgewiesen werden (EuGH, Urteil vom 21.03.2023, C-100/21).
Der Bundesgerichtshof hat daraus den Differenzschaden entwickelt (BGH, Urteil vom 26.06.2023, VIa ZR 335/21). Wer ein Fahrzeug mit einer unzulässigen Abschalteinrichtung gekauft hat, etwa mit einem unzulässigen Thermofenster, kann 5 bis 15 Prozent des Kaufpreises verlangen. Das Auto bleibt beim Käufer.
Was den Anspruch schmälert
- Nutzungsvorteile und Restwert: Sie werden angerechnet, soweit sie den Wert des Fahrzeugs beim Kauf übersteigen. Bei hoher Laufleistung kann der Anspruch dadurch ganz entfallen. Der EuGH hat das 2025 grundsätzlich gebilligt (Urteil vom 01.08.2025, C-666/23), der BGH hat es im Dezember 2025 bestätigt.
- Software-Update: Ein Update kann den Schaden ausgleichen, wenn es das Risiko von Betriebsbeschränkungen deutlich senkt und selbst keine unzulässige Abschalteinrichtung enthält.
- Typgenehmigung: Dass das Fahrzeug eine EG-Typgenehmigung hat, entlastet den Hersteller nach dem EuGH nicht automatisch.
- Verjährung: Ansprüche verjähren grundsätzlich drei Jahre nach dem Ende des Jahres, in dem der Käufer von der Betroffenheit seines Modells wusste oder hätte wissen müssen. Das ist für jedes Modell gesondert zu prüfen.
Für wen sich eine Klage 2026 noch lohnt
Eine Prüfung lohnt sich vor allem bei jüngeren Käufen mit geringer Laufleistung, bei denen ein Thermofenster oder eine andere Abschalteinrichtung im Raum steht. Entscheidend sind Modell, Motor, Kaufdatum, Kaufpreis, Kilometerstand und ob ein Software-Update aufgespielt wurde. Mit einer Rechtsschutzversicherung bleibt das Kostenrisiko überschaubar.
Wir prüfen Ihre Unterlagen und sagen Ihnen, ob sich ein Vorgehen lohnt. Sie erreichen uns unter 02306 750700 oder über unser Kontaktformular. Mehr zu unseren Leistungen finden Sie auf der Seite Verkehrsrecht.
